Biografie eines Massenmörders (2024)

27.10.2011

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Reinhard Heydrich gehörte zu den gefürchtetsten Führungspersonen des Nazi-Regimes. Der Historiker Robert Gerwarth beschreibt sein Leben in sachlich-unterkühlter Sprache. Wie ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft zum Massenmörder werden kann, bleibt dennoch unfassbar.

Es hätte ein gediegenes bürgerliches Leben werden können: das im Kaiserreich überaus erfolgreiche Musikkonservatorium der Eltern in Halle an der Saale übernehmen und dem zweiten Wagnerischen Vornamen gerecht werden. Stattdessen wurde Reinhard Tristan Eugen Heydrich (1904-1942) zu einem der effektivsten Planer und Vollstrecker von Terror und Judenmord der Nationalsozialisten - und er wurde eine ihrer monströsesten Gestalten: dieser "von der eigenen ideologischen Sendung überzeugte genozidale Massenmörder aus der Mitte der deutschen Gesellschaft", wie Robert Gerwarth ihn nennt.

Das elterliche Musikkonservatorium geriet nach verlorenem Ersten Weltkrieg und materieller Not der bürgerlichen Kundschaft in Schieflage. Der Schüler Reinhard Heydrich schloss sich, gerade mal 15-jährig, der Hallenser "freiwilligen Einwohnerwehr" eines Freikorps an, ging später zur Marine und wurde dort im April 1931 als Oberleutnant zur See unehrenhaft entlassen, weil er ein Eheversprechen gebrochen hatte. Segellehrer hätte er nun werden können, das wollte er nicht - und ging zur SS.

So wie diese nach 1933 zur entscheidenden Trägerin des Hitler-Terrors aufstieg, so stieg Reinhard Heydrich auf und war zum Schluss SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) und stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren. Vom Massenmorden und Menschenquälen erholte er sich beim Violine spielen oder Fechten; nicht immer zur Freude seines Chefs Heinrich Himmler betätigte er sich auch als Jagdflieger an der Ostfront.

Robert Gerwarth schildert alle Facetten dieses Lebens, an dem sich ablesen lässt, wie ein intelligenter, vielleicht hochintelligenter Mensch - ohne ein inneres moralisches Koordinatensystem - immer mehr ethisch verroht und sittlich verkommt. Jüdische Kinder, Frauen und Männer im Osten wurden von den Einsatzgruppen Heydrichs erschossen oder in ersten Vergasungsversuchen ermordet - 800.000 bis Ende 1941. Heydrich sorgte sich sehr um das seelische Befinden seiner Massenmörder, bestand auf ordnungsgemäßem, korrekten Morden: Plündern und Bereichern an jüdischen Besitztümern war strengstens verboten. Die SS hatte sich elitär von den korrupten alten Parteibonzen abzugrenzen, die sich als Hitlers Statthalter (nicht nur) im Osten die Taschen füllten.

"Hitler's Hangman" lautet der englische Originaltitel dieser ersten wissenschaftlich fundierten Biografie über "Hitlers Henker" - auf den am 27. Mai 1942 drei tschechische Widerstandskämpfer im Auftrage des britischen Geheimdienstes ein Attentat verübten, an deren Folgen er einige Tage später starb. Es war das Ende einer "Schlüsselfigur des Dritten Reiches und seiner mörderischen Verfolgungspolitik."

Die deutsche Ausgabe trägt den nüchternen Titel "Reinhard Heydrich - Biographie". Udo Rennert hat die sachlich-unterkühlte Sprache sehr schön ins Deutsche übertragen - von kleinen Schnitzern abgesehen. "Kalte Empathie" nennt Robert Gerwarth sein Verfahren, diese monströse Gestalt des Reinhard Tristan Eugen Heydrich mit der Lupe des Forschers distanziert zu beschreiben: auch mit Zitaten aus Briefen Heydrichs - oder mit Zeugnissen seiner Zeit- und Mordgenossen. Gerwarth vermittelt eindrucksvoll die wahnhafte Logik, die ideologisch-penible Standfestigkeit und die krämerhafte Pedanterie dieses Mannes - der sich als wohlhabender SS-Führer gegenüber seinen notleidenden Eltern und der Schwester als Geizhals erwies.

Anderthalb Stunden dauerte die von Heydrich geleitete berüchtigte Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, in der Bürokraten und Ideologen auf Staatssekretärebene die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen - "größtenteils akademisch gebildete Männer, mehr als die Hälfte hatte einen Doktorgrad".

Heydrich war einer von denen, die erst relativ spät (und zunächst nicht aus Überzeugung) zu den Nationalsozialisten gestoßen waren - weil er Karriere in Uniform machen wollte und Heinrich Himmler ihm diese bieten konnte. Deshalb genoss Heydrich nicht den Bonus der alten Kämpfer Hitlers, er musste seine SS-"Ehre" und "Treue" besonders radikal unter Beweis stellen.

"Es gab Momente, wo ich die Arbeit am liebsten abgebrochen hätte", hat Robert Gerwarth in einem Interview gesagt - bekennt sich in seinem Buch zur "kritischen Distanz" und lehnt es ab, "die Rolle des Historikers mit der eines Staatsanwalts bei einem Kriegsverbrecherprozess zu verwechseln". Das Unfassbare bleibt unfassbar: wieso dieser Mann "aus der Mitte der deutschen Gesellschaft" zu einem Massenmörder wurde, der aus nächster Nähe die Erschießung jüdischer Kinder überwachte - und sich dabei selber als Opfer einer schlechten Welt sah.

P.S. Heydrichs Frau Lina - geborene von Osten und fanatische Nationalsozialistin schon bei der Heirat 1931 - erstritt sich in der Bundesrepublik den Anspruch auf eine Generalswitwenrente, die sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1985 bezog. Auf der Ostseeinsel Fehmarn betrieb sie die Pension "Imbria Parva" - "in der sich häufig ehemalige SS-Kameraden ihres Mannes zu Wiedersehensfeiern trafen und Erinnerungen an 'bessere Zeiten' austauschten", wie Gerwarth schreibt.

Besprochen von Klaus Pokatzky

Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich. Biographie.
Aus dem Englischen von Udo Rennert
Siedler-Verlag, Berlin 2011
480 Seiten, 29,99 Euro

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